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Lavaline im Schatten der Corona-Pandemie

Lavaline im Schatten der Pandemie

Spätestens als die WHO am 11.03.2020 die Pandemie ausrief, war klar, dass COVID-19 zum Problem werden könnte. Allerdings waren alle Flüge zu dem Zeitpunkt bereits fest gebucht. Ohne Chance auf Rückerstattung mussten wir zumindest versuchen, nach Vanuatu reinzukommen, und hofften, dass wir es auch wieder irgendwann zurück schaffen würden.


20.03.2020, Port Vila

Quarantäne und Einreisebeschränkungen

Vanuatu ist ein Archipel aus 80 Inseln im Feuergürtel des Südpazifiks und liegt ungefähr 2000 km nordöstlich von Australien. Seit meinem Abflug vor einer Woche haben sich die Ereignisse überschlagen. Dreiviertel vom Team haben es gerade so in die Hauptstadt Port Vila geschafft. Es fehlen unsere Vulkanexperten und Kenner des Landes Basti, Ulla und Thomas. Basti und Ulla konnten leider gar nicht losfliegen, weil sowohl Australien als auch der andere Hub Neuseeland die Grenzen für Ausländer dicht gemacht haben. Ihr befreundeter französischer Vulkanologe Thomas sitzt seit einer Woche in Neukaledonien in Quarantäne, wo er auch einen Monat später noch sein würde. Rafael ist dieses Schicksal nur Dank eines glücklichen Zufalls erspart geblieben. Marinus, Zuständiger für Rigging und Safety, hatte wegen Einreise aus dem „sicheren“ Neuseeland keine Probleme, Johannes, mein Vater und ich konnten auch eine cleane Reisehistorie über Katar und Australien vorweisen; unser Kameramann Felix hingegen musste statt über Singapur einen Umweg über die USA nehmen und kam dort aber dann auch um ein Haar noch weiter, weil Trump am 13.03. kurzerhand die Grenzen für Europäer schließen ließ. Glücklicherweise hat niemand von uns Fieber, sonst müssten wir hier in Quarantäne...

Basti, Ulla und Thomas sind bei den Genehmigungen und vor allem vor Ort am Vulkan mit ihrer langjährigen Erfahrung essentiell für das Projekt. Dass keiner von ihnen es hergeschafft hat, bringt uns fast zur Verzweiflung, da wir keine Chance sehen, die Behörden ohne sie von unserem Vorhaben zu überzeugen. Unsere einzige Hoffnung ist, dass Thomas es doch noch rüber schafft.

Erste Eindrücke von Vanuatu

Während wir auf ihn warten, haben wir die Insel Efate ein bisschen erkundet, in deren Hauptstadt Port Vila wir uns befinden. Das lokale Transportmittel Nr. 1 sind unzählige Taxi-Busse, von denen man einfach einen anhält. Am Markt findet gerade Wahlkampf statt. Vanuatu mit seinen 300.000 Einwohnern ist eine parlamentarische Demokratie, aber es gibt fast ebenso viele Parteien wie Dialekte. Sie müssen also sehr kooperieren, was ihnen vielleicht gar nicht so schwer fällt. Das erste was uns hier auffällt, sind die freundlichen Leute, alle freuen sich offenbar extrem, uns zu sehen, ausnahmslos jede*r lacht uns beim Vorbeifahren herzlich an und winkt uns zu. Den Titel des glücklichsten Volks der Welt tragen sie zu Recht. Das Highlight war eine Bootsfahrt zu einer Höhle, wo wir zwischen bunten Fischen durchs Riff tauchten – Südseetraum pur.

Hoffnung & Entscheidung

Gestern hat Thomas uns aus seiner Quarantäne heraus die Handynummern von zwei Einheimischen geschickt: die von Jackson Iakapas und dem Vulkanführer Phillip. Beide leben am Vulkan Yasur. Dank Jackson haben wir im Handumdrehen die Film-Genehmigung bekommen und können morgen nun doch in zwei gecharterten Propellermaschinen nach Tanna losfliegen! Allerdings wissen wir nicht, ob wir ohne die Hilfe von Basti, Ulla oder Thomas das Vertrauen der Einheimischen gewinnen werden und die Highline nah genug am Krater spannen dürfen.

Das andere Problem ist, dass das zurzeit noch Corona-freie Vanuatu gestern den nationalen Notstand ausgerufen hat. D.h. ab übermorgen sind die Außengrenzen geschlossen und es wird Ausgangsbeschränkungen wie in Europa geben. Diese Vorsichtsmaßnahmen sind in Anbetracht der medizinischen Versorgung mehr als verständlich. Ffür die 300.000 Bewohner stehen nur 50 Ärzte und ZWEI (!) Beatmungsgeräte zur Verfügung. Klar ist: Wenn Covid-19 hier ausbricht, wird es richtig schlimm. Bei der Vorstellung, dass wir theoretisch das Virus eingeschleppt haben können, plagen uns doch Gewissensbisse.

In zwei Tagen jedenfalls wird niemand mehr aus dem Inselarchipel ein- oder ausreisen können. Wir haben uns entschieden. Während die anderen Touristen alles daran setzen, in ihre Heimat zurück zu fliegen, entfernen wir uns immer weiter von der unseren – im Wissen, dass wir möglicherweise monatelang hier festsitzen werden.

Im Dschungel von Tanna

Unsere Zeit im Dschungel von Tanna, der die nächsten fünf Wochen unsere Heimat sein wird, sollte maßgeblich von der Pandemie beeinflusst werden. Direkt nach unserer Ankunft wurden sämtliche Geschäfte geschlossen und die 80 Inseln Vanuatus wurden voneinander abgeriegelt, weil es einzelne Verdachtsfälle gab. Um uns als die einzigen Touristen auf der Insel wurde teilweise ein großer Bogen gemacht. Unsere Gedanken waren: Was passiert, wenn das Virus hier ankommt? Kippt die Stimmung und werden wir weggejagt? Eigentlich schwer vorstellbar bei der Herzlichkeit, die einem grundsätzlich entgegengebracht wird, und mit jedem Tag, der ohne positives Testergebnis verging, wächst die Hoffnung, dass sich Vanuatu das Virus mit seinen frühzeitigen Abschottungsmaßnahmen tatsächlich vom Leib gehalten hat... Doch wie lange werden wir hier gestrandet sein? Eine Grenzöffnung vor dem Finden eines Impfstoffes oder eines wirksamen Medikaments wäre unter den medizinischen Umständen kaum zu verantworten. Bis dahin können leicht Monate vergehen. Egal wie lange wir hier sein werden: Solange das Virus hier nicht ausbricht, werden wir nicht nur überleben, da im Dschungel trotz vulkanbedingten Ernteausfällen noch genug wächst, sondern auch relativ angenehm leben, da sich die Jackson und seine Familie Iakapas sehr um unser Wohlergehen sorgen.

Unter dem Motto #staysafeTAFEA haben wir im Fernsehen ausgestrahlte und in den sozialen Medien verbreitete Clips für das Gesundheitsministerium Vanuatus produziert, die den Menschen Hygienemaßnahmen und allgemein Verständnis für die Krise näherbringen sollen. Hier erfahrt ihr mehr dazu.

Trotz der Aussicht, vielleicht ewig hier zu sein, verspüren wir paradoxerweise bis zum letzten Tag eine Art Zeitstress, das Projekt erfolgreich abzuschließen. Es besteht nämlich immer die Chance, dass plötzlich auch die letzten gestrandeten Deutschen von so abgelegenen Inseln wie Tanna abgeholt werden. Uns fehlten noch Luftaufnahmen für LavaLine, weil die die Propeller für die große Drohne und das Ladegerät für die kleine mit Basti und Ulla auf der anderen Seite der Welt geblieben sind. Johannes hat fast vier Wochen lang alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Ersatz aufzutreiben – aber wegen der coronabedingten Abschottung schlagen alle Versuche fehl, Propeller von außerhalb einzuführen. Als wir schon wissen, dass in drei Tagen der Rückholflug geht, haben wir doch noch ein Ladegerät auf Efate gefunden. Dieses Ladegerät kommt gerade rechtzeitig nach Tanna, und wir zurück auf die Hauptinsel Efate, weil der Notstand aufgrund eines Regierungswechsels für ein paar Tage ausgesetzt wurde – ein perfektes Timing und unglaubliches Glück!

Glückliches Team, von links nach rechts: Jackson, Felix, Phillip, Rafael, Alex, Tom, Raimon, Marinus

Die Rückkehr

Nach sechs Wochen voller spannender Erlebnisse im Dschungel ist es mehr als unwirklich in eine andere Welt zurück zu reisen, die durch Corona auf den Kopf gestellt worden ist. Rückblickend lässt sich sagen: Wir hatten mehrere Riesenportionen Glück, dass unser Projekt trotz Quarantäne, Reisebeschränkungen und Shut- & Lockdown geklappt hat und alle außer Rafael inzwischen wieder daheim sind. Da die Länderfreundschaft des Rückholprogramms leider an den europäischen Außengrenzen endet, durfte er nicht mit an Board und weilt noch immer in Vanuatu. Trotz der Aussicht, erst in ein paar Monaten heimzukommen, ist Rafael aber guter Dinge und macht das Beste aus seiner Lage. Seinen Abenteuern könnt ihr auf Instagram folgen.

Wir berichten in sechs Teilen über unsere Erlebnisse. Der nächste Blog-Eintrag erscheint am 26.05.2020 auf der LavaLine-Projektseite.